Wie frühgeborene Kinder Freude und Sicherheit in ihren selbstbestimmten Tätigkeiten finden

von Claudia Billinger, mit einem Kommentar von Maria, Mutter eines SpielRaum-Kindes

In den letzten Jahren haben immer mehr Eltern mit Kindern, die zu früh auf die Welt gekommen sind, den Spiel-Raum besucht. Ich möchte euch von meinen Erfahrungen als SpielRaum-Leiterin berichten.

Leon besucht gemeinsam mit seiner Mutter seit seinem 9. Lebensmonat wöchentlich den SpielRaum. Leon verbringt die erste Zeit in der Rückenlage, spielt interessiert, vielfältig und ausdauernd mit weichen Pinseln, Ringen, Bällen, Tüchern, kleinen Schälchen und langen Filzseilen. Zwischen Spiel und Bewegung wechselnd genießt er es, sich im Kreis zu drehen oder durch den Raum zu rollen. Hin und wieder kommt es vor, dass er seine Beine auf einer Matratze ablegt und sich den Spielmaterialien widmet. Seine Bewegungen sind harmonisch und sicher. Er legt sorgsam seinen Kopf auf den Boden, wenn er sich in von der Bauchlage in die Rückenlage dreht.

Es hat für Leon große Bedeutung, dass er sich selbstbestimmt, ohne dabei manipuliert oder animiert zu werden, seinem momentanen Interesse widmen und seinem Bewegungsdrang gemäß handeln kann. Dabei freut er sich über seine Geschicklichkeit und Flexibilität. Durch diese Erfahrungen erlebt sich Leon kompetent. Durch das Interesse und die Freude am Spiel entsteht in ihm Kraft und Energie die er braucht, um sich weiter zu entwickeln. Er selbst kann dabei über Aktivität und Erholung entscheiden. Dies ermöglicht, dass sich seine Fähigkeit zur Selbstregulation entwickelt.

Welche Bedeutung haben freies Spiel und autonome Bewegungsentwicklung für Kinder, die zu früh auf die Welt gekommen sind? Welchen Einfluss hat selbstbestimmtes und freudvolles Aktivsein auf die Entwicklung der Selbstregulation bei Kindern, die für ihre Entwicklung Zeit brauchen?

Der Pikler®SpielRaum bietet auch Kindern, die zu früh auf die Welt gekommen sind, einen Raum, in dem persönliche Entwicklung ohne Zeitdruck und selbständiges Aktivsein möglich sind. Aus der jahrelangen Praxis der Pikler®Pädagogik wissen wir, dass Kinder in ihrer Kompetenzentwicklung profitieren, wenn der Erwachsene eine geeignete vorbereitete Umgebung für die momentanen Bedürfnisse der Kinder gestaltet. Ohne Über- und Unterforderung können sie auf spielerische Art und Weise sich selbst und die Umgebung kennenlernen.

Durch einfache, ansprechende Spielund Bewegungsmaterialien werden Kinder zum kreativen Erkunden und Begreifen der Welt eingeladen. Das junge Kind kann sich gemäß seinem eigenen Rhythmus und gegebenen Entwicklungstand mit Freude und Interesse entfalten. Dadurch entsteht ein Zusammenspiel von Interesse, Experimentierlust, ungestörter Eigenaktivität und Bewegung. In dieser Zeit kommt es für das Kind nicht auf das Erreichen sogenannter Meilensteine wie Drehen, Sitzen oder Laufen an, sondern auf das harmonische und sichere Beherrschen vieler kleiner Bewegungsformen.

Leon spielt in den ersten Monaten im Spielraum eine halbe Stunde. Nach etwa dreißig Minuten Spielzeit wird Leon unruhig, beginnt zu weinen und will ganz offensichtlich zu seiner Mutter. Gut gehalten und in sanftem Wiegeschritt lässt sich Leon von seiner Mutter beruhigen. Beide haben die Erfahrung gemacht, dass Tragen und Wiegen Sicherheit geben. An einem der ersten Elternabende erzählt die Mutter, dass Leon fünf Wochen zu früh auf die Welt gekommen ist und sein Start ins Leben nicht ganz einfach war. Neben vielen anderen gesundheitlichen Schwierigkeiten, die sich in den ersten Monaten glücklicherweise zum Positiven entwickelt haben, leidet er an einem Würgereiz. Leon wurde in den ersten Wochen mit einer Sonde ernährt und die Mutter vermutet, dass der Würgereiz damit zusammenhängt. Es kann sogar vorkommen, dass er seine aufgenommene Nahrung mehrmals täglich erbricht. Diese Situation beschäftigt die ganze Familie.

Obwohl sich Leon sehr lange in der Bauch- und Rückenlage fortbewegt hat, habe ich immer wieder kleine Fortschritte in seiner Spieltätigkeit und Bewegungsqualität beobachten können. Gemeinsam mit der Mutter habe ich sein Spiel- und Bewegungsinteresse im SpielRaum regelmäßig in Worte gefasst und ausgesprochen. Somit haben wir gemeinsam die kleinen kontinuierlichen Fortschritte benannt und die Eltern haben Unterstützung erlebt in dem guten Gefühl, dem Kind weiterhin für sein persönliches Wachsen ZEIT geben zu können. Dazu haben sie auch zuhause eine geeignete vorbereitete Umgebung geschaffen.

Nach einem halben Jahr beginnt Leon, sich robbend fortzubewegen, und entdeckt dabei die schiefe Ebene und die Krabbelkiste. Von nun an ergeben sich regelmäßig weitere Schritte in seiner Bewegungsentwicklung: Krabbeln, Sitzen, Übergangspositionen, seitlicher Ellenbogensitz, Bärengang, Kniestand … Auffallend ist das Zusammenwirken von Bewegung und Spiel. Es ist für Leon selbstverständlich, sich auf diese Art und Weise zu entfalten und durch Versuch und Irrtum zu lernen.

Für alle im SpielRaum war berührend, mit welcher Freude, Ausdauer und Umsicht sich Leon seiner Entwicklung gewidmet hat. Die Spielzeit wurde länger. Das wachsende Gefühl der Sicherheit und den Mut, sich von der Mutter wegzubewegen, konnten wir von Mal zu Mal mehr beobachten. Dabei hat Leon Blickkontakt gesucht, wenn er seine Freude mit der Mutter oder auch mit mir als SpielRaum-Leiterin teilen wollte.

Heute, nach einem weiteren halben Jahr, rutscht er mit Freude und sicher über die Rutsche, krabbelt in die Rundwippe und genießt das Schaukeln, sitzt in der Kiste und füllt mit einem Schöpfer kleine Milchkannen. Wenn er sich ausruht und eine kleine Pause bevorzugt, beobachtet er die Kinder, die mit ihm den SpielRaum seit eineinhalb Jahren besuchen.

Leons Würgereiz nimmt ab. Im Moment hat er es gern, mit den Fingern Saucen zu kosten, und zeigt seinen Eltern immer genauer, was ihm schmeckt, wann er Hunger hat und was er nicht essen mag. Die Eltern haben Vertrauen, dass der Augenblick der ersten Geh-Schritte und das Essen von Nahrungs-Stücken kommen wird, wenn Leon so weit ist. Das Abwarten, Geduldigbleiben und Vertrauen sowie immer wieder etwas Neues auszuprobieren hat Leons Mama in den letzten eineinhalb Jahren bei aller Sorge auch reifen lassen.

Auch von Luise und meinen Erfahrungen mit ihr möchte ich erzählen: Seit September besucht Luise im siebzehnten Lebensmonat mit ihren Eltern den Pikler®SpielRaum. Luise wurde in der 25. Schwangerschaftswoche geboren.

Ich kann mich noch gut an ihren ersten Besuch erinnern: In der Garderobe bekommt Luise auf dem Schoß ihrer Mutter in einem kleinen Schüsserl Dinkelnudeln angeboten. Dabei teilt sie ihrer Mutter genau mit, was sie gerade isst, wieviel sie isst und wann sie satt ist. Als ich sie begrüße und mich mit Luises Mutter unterhalte, wiederholt Luise freudig unsere Unterhaltung in einzelnen Wörtern oder kurzen Sätzen: „Jetzt sind wir bei Claudia!“ „Da kommt Claudia!“ „Luise geht in die Spielgruppe!“ „Luise ist satt!“ „Mama spricht.“ „Da ist es gemütlich!“ „Luises Füße sind kalt!“ „Schuhe ausgezogen!“

Im SpielRaum angekommen, sitzt sie in der Nähe ihrer Mutter und beginnt, die neben ihr liegenden Materialien, Holzscheiben in vier Farben, haptisch und visuell sehr ausdauernd zu erkunden. Sie ertastet die Scheiben mit ihren Fingern, wendet sie mehrmals und beschreibt ihrer Mutter das Material und die Farben. Zum Schluss steckt sie die Lochscheiben auf den Holzstab. Diesen Vorgang wiederholt sie solange, bis ein neues Material ihr Interesse weckt.

Zwischendurch ist sie im Austausch mit ihrer Mutter oder wiederholt von mir Gesagtes. Sie nimmt einzelne Gefühle der anderen Kinder im SpielRaum wahr und schildert sie. Sie teilt der Mutter mit, dass sie müde sei oder wann sie ihre Brille runtergeben möchte. Auch beschreibt sie, wie gemütlich es sei, wenn sie auf dem Schoß ihrer Mutter sitze. Nach einer Weile entdeckt sie Tischtennisbälle und ist ganz überrascht und aufmerksam, als diese Bälle mehrmals am Boden springen.

In den vergangenen Wochen haben sich im SpielRaum weitere Fortschritte in Luises Bewegungsqualität gezeigt. Zu Beginn des SpielRaum-Jahres habe ich sie selten in der Nähe eines Bewegungsgerätes beobachten können; sie hat es bevorzugt, im Sitzen zu spielen. Letztens ist sie zum Labyrinth gekrabbelt und dort aufgestanden. Dabei hat sie die Herdplatte, Schüsseln, einen Löffel und Bohnen entdeckt. Sie hat begonnen, einen Topf mit Erbsen zu füllen. Nachdem sie sich dem nächsten Material zuwandt hat, ist sie wieder zu Boden gekommen und gekrabbelt – in Richtung der Krabbelkiste. Während einer Spielsituation wechselt sie immer öfter die Position und ein natürliches Fließen von Bewegung zu Spiel und umgekehrt ist häufig beobachtbar. Wenn sie sich dem Spiel mit den Pinseln widmet, kann ich viele unterschiedliche Positionen beobachten. Sie sitzt im Langbeinsitz und bürstet ihre Zehen, steht auf und bürstet ihre Mutter oder sie streicht mit dem Pinsel über die Wand. Einmal geht sie der Wand entlang zu mir, um meine Füße zu bürsten. Sie freut sich sichtlich. Luises Gesicht strahlt, wenn wir uns austauschen, wie sich das Bürsten anfühlt. „Claudias Zehen bürsten!“ „Es kitzelt!“ „Papa hat auch Zehen!“ „Wie viele Zehen hat Papa?“ „Zehn Zehen hat Papa!“ „Luises zehn Zehen!“ …

Zum Abschluss eines SpielRaums, als ich die Kinder zum Aufräumen eingeladen habe, hat Luise protestiert und war nicht einverstanden, weil sie offensichtlich noch weiterspielen wollte. Das Mädchen, das anfangs nur kurz spielen wollte, hat uns Erwachsene mit ihrer Freude am Spiel überrascht und mit dem Wunsch, nicht aufhören zu wollen. An den letzten SpielRaum-Terminen war Luises Freude über ihr selbständiges und selbstbestimmtes Spiel so groß, dass ich mich von Herzen mit ihr gefreut habe. Ich konnte dabei erkennen, dass sie sich im SpielRaum gemeinsam mit ihrer Mutter sicher, autonom und frei fühlt. Ihre Selbstwirksamkeitserfahrungen, ihr gewonnenes Vertrauen in ihre Selbsteinschätzung und Kompetenzen beeinflussen und entwickeln ihr ganzes Sein. Sie findet somit in ihr inneres Gleichgewicht und kann sich in ihr Spiel mit Freude und Ausdauer vertiefen.

Verantwortungsbewusstes Begleiten aus Sicht der SpielRaum-Leiterin: Ich sehe meine Aufgabe darin, die Entwicklung des kleinen Kindes im Spiel- Raum mit meinem Wissen und meinen Erfahrungen als Pikler-Pädagogin zu beobachten, zu begleiten und die Eltern dabei zu unterstützen, wie sie für ihr Kind eine entwicklungsfördernde Umgebung gestalten können. Ich weise darauf hin, dass die Verantwortung einer medizinischen und therapeutischen Begleitung bei den Eltern und Ärzten liegt.

In den Monaten des Zusammenseins mit Leon und Luise und ihren Eltern ist mir noch mehr bewusst geworden, dass neben den therapeutischen Maßnahmen das Zeitgeben, die genaue Beobachtung und das Vertrauen in die Entwicklung des Kindes zu den wichtigen Aufgaben der Erwachsenen bei der Begleitung von Kindern zählen. Raum, Zeit, der wohlwollende Blick, innere Ruhe und Zuversicht tragen wesentlich zum Reifen aller bei.

 Claudia Billinger

Claudia Billinger

Pikler®Pädagogin

Mutter von zwei Kindern

Welche Bedeutung hat Verantwortung für uns Eltern? 

Die Entwicklung von Luise, erzählt aus der Sicht der Mutter.

Mit dem Elternsein/-werden bekommt der Begriff Verantwortung auf einmal eine ganz neue Dimension. Zumindest war es für uns so. Die Verantwortung für ein Kind zu übernehmen hat ein ganz anderes Gewicht, eine ganz andere emotionale Tiefe, eine ganz andere Verbindlichkeit. Zudem war unsere Situation eine besondere: Wir mussten Entscheidungen treffen, mit denen wir nicht gerechnet hatten. Unsere Tochter kam völlig überraschend in der 25. Schwangerschaftswoche zur Welt, und während wir bis dahin noch dachten, genügend Zeit zu haben, uns auf das Elternsein vorzubereiten, waren wir auch schon mittendrin. Wir waren plötzlich mit vielen Entscheidungen konfrontiert, die wir aufgrund der bis dahin problemlosen Schwangerschaft nie erwartet hatten: Wollen wir intensivmedizinische Betreuung für unser Kind, damit es Überlebenschancen hat? Operationen, Medikamente, Sonden-Ernährung?

Wir haben uns für unser Kind entschieden mit allen möglichen Konsequenzen, in der Hoffnung, auch für unser Kind die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Verantwortung und Entscheidungen in dieser Form sind für die meisten Eltern Gott sei Dank nicht die Regel. Auch wenn wir sicher sind, für unsere Familie die richtigen Entscheidungen getroffen zu haben, prägt dieser frühe Start ins Leben noch immer unseren Alltag.

Vielleicht haben wir gerade auf Grund dieses Starts in besonderer Weise gelernt, die Verantwortung für die Gesundheit und Entwicklung unserer Tochter zu übernehmen, ohne ausschließlich auf ärztliche Ratschläge und Maßnahmen zu vertrauen. 

Wir haben gelernt zu hinterfragen und nicht einfach jeder Empfehlung nachzugehen, sondern bei unserem Kind nachzuspüren, ob es dieses Bedürfnis, diesen Bedarf auch tatsächlich hat.

Dies hat beispielsweise bedeutet, Hunger und Sättigungssignale von Luise ernstzunehmen, auch wenn im Krankenhaus der Drei-Stunden- Rhythmus und die errechnete Tagesmenge natürlich Priorität haben. Zuhause haben wir probiert, die nächtliche Zwei-Uhr- ahlzeit ausfallen zu lassen, da unsere Tochter nach dieser Mahlzeit regelmäßig aufgewacht ist und zu schreien begonnen hat. Es folgten viele Nächte, in denen uns die Frage quälte, ob wir das Richtige tun oder ob wir doch mehr auf die Ärzte vertrauen sollten. Eine verantwortungsvolle Entscheidung, die sich, wie wir jetzt wissen, lohnt, da unser Kind nun Hunger wahrnimmt, essen kann und will, einen guten Tag-Nacht-Rhythmus entwickelt hat und den für mit Sonden ernährte Kinder so typischen Würgereiz bald ablegen konnte.

Die Verantwortung, für das Kind einzustehen, durchzuhalten, seine Signale und Botschaften auszusprechen und darauf zu achten, dass sein subtiles „Stopp“ nicht überhört wird, war für uns von Beginn an von größter Bedeutung. Verantwortung zu übernehmen heißt für uns auch, anzunehmen. Anzunehmen, wie sie ist, ohne sie an Normen zu messen.

Im Laufe der Zeit hatten wir den Eindruck, dass Luise vor allem auch einen Rahmen braucht, in dem sie in einer wertschätzenden Atmosphäre anderen Kindern begegnen kann. So haben wir uns entschieden, mit unserer Tochter den SpielRaum zu besuchen. Eine Entscheidung, die uns allen nach diesem schwierigen ersten Jahr Balsam für die Seele war: Endlich haben wir einen Ort gefunden, wo unsere Tochter ein „Angenommen- Sein“ erleben durfte. Ein Ort, wo wir in Gesprächen unsere Sicherheit nach diesen vielen verunsichernden Erlebnissen zurück bekommen haben. Wie? „Einfach“ dadurch, dass endlich jemand bei unserem Kind darauf geschaut hat, was ist, und nicht, was nicht ist. Durch die Erfahrung, die wir im SpielRaum sammeln durften, entstand Sicherheit in uns. Wir wurden darin bestärkt, dass Verantwortung zu übernehmen auch beinhaltet, den Signalen unseres Kindes vertrauen.

Unsere Tochter ist nun zwei Jahre alt und hat sich entsprechend den Prognosen, die wir erhalten haben, ganz wunderbar entwickelt, wenn auch in manchen Bereichen nicht der Norm entsprechend. Wie sie sich entwickelt hätte, hätten wir alle Empfehlungen ohne Abstimmung mit unserer Tochter eingehalten, wissen wir nicht. Aber ich denke, es ist in unserer Verantwortung, den Weg für unser Kind offen zu lassen und uns nicht von schlechten Prognosen vereinnahmen zu lassen, sondern im Sinne Jean Pauls die Verantwortung zu übernehmen: zu vertrauen.

Maria, Mutter von Luise